Sharing Economy ist Neo-Neoliberalismus

AirBnB, Uber und andere Vermittlungsplattformen gelten vielen als revolutionär. Dabei haben sie ein ganz altes Geschäftsmodell nur neu benannt – und die Nutzer fallen darauf herein

Journalisten würde man unterstellen, vorher zu recherchieren. Insofern muss ich also mal ein ernstes Wörtchen mit mir wohlbekannten Kollegen reden: Die kamen doch tatsächlich auf die Idee, das Journalistenklassentreffen auf das erste Oktoberwochenende zu legen. Am Feiertagswochenende. Am Oktoberfestwochenende. In München. Vielen Dank.

In der jüngeren Vergangenheit habe ich mich bei solchen Situationen auf das Internet verlassen, den Heilsbringer der Sparfüchse. Es gibt ja AirBnB! Couchsurfing! Wimdu!

Privatunterkünfte zum günstigen Preis! Die Ernüchterung kam, als ich tatsächlich dort nach bezahlbaren Zimmern suchte.

As Sharing Economy werden solche Portale in letzter Zeit gern bezeichnet, das klingt neu, modern, zeitgemäß. Uber ist auch so ein Anbieter, der unter diesem Schlagwort gerade ziemlich rabiat auf den deutschen Taxifahrten-Markt drängt – trotz einstweiliger Verfügung ist die App weiter online. Die Fans von Uber, AirBnB und Co. finden das toll. Für sie gehört der Sharing Economy die Zukunft. Medienwissenschaftler, auf der Suche nach Relevanz, greifen das gerne auf, fabrizieren prognoseschwangere Studien, Soziologe haben endlich ein anderes Thema als die 1284. Max-Weber-Interpretation und fabulieren über den gesellschaftlichen Trend zum Teilen. Und Medien, soziale zumal, greifen das gerne auf und zitieren solche scheinbaren Autoritäten. Es gibt den Fans ja recht, es zeigt ihnen, sie stehen auf der richtigen Seite, der Seite der Moderne und der technischen wie sozialen Avantgarde.

Die Sache hat nur einen Haken: Das ist alles Quatsch. Der Begriff Sharing Economy ist nämlich ein Widerspruch in sich. Er ist Hirnsedativum, Partyplaudervorlage, VWLer-Powerpoint-Füller – aber keine adäquate Bezeichnung für solche Portale.

Schuld daran ist der Begriff Sharing: Teilen heißt das bekanntermaßen, das klingt so kuschelig, so gemeinschaftlich, nach Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich. Aus demselben Grund nennen sich moderne Immobilieninvestoren auch lieber Baugruppe, das klingt mehr nach Kindergarten als nach Gentrifizierung und Geldgeschäften – worum es sich tatsächlich handelt.

Das Problem an der Sharing Economy ist: Hier wird nichts geteilt. Hier wird vermietet. Nicht mehr, nicht weniger. Wer teilt, bekommt dafür kein Geld. Wer Bezahlung verlangt, ist ein Verkäufer von Leistungen, kein sozialistischer Hipster, der ärmeren eine Wohltat ermöglicht. Und Teilen findet statt, wenn die Not am größten ist. Nach diesem Prinzip funktionieren diese Angebote aber nicht. Für sie gilt das jahrhundertealte Prinzip des Kapitalismus: Die Nachfrage bestimmt den Preis. Wie in München, am ersten Oktoberwochenende. Wo selbst schäbige Luftmatratzen im 10-Quadratmeter-Loch für 130 Euro die Nacht angeboten werden. Oder Pritschen in Lieferwagen, Parkplatz und Pinkelmöglichkeit exklusive.

Die Anbieter können das, denn solche Preise werden auch bezahlt. Dass sie Reisen erschwinglicher machen für die Ärmeren der Gesellschaft, ist Teil des Selbstbetruges der Sharing-Propagandisten. Uber zum Beispiel ist nur unwesentlich billiger als normale Taxis. Zu teuer für Hartz-IV-Empfänger und Rentner, weswegen die lieber weiter Bus fahren. Auch die Anbieter sind selten Arme. Die überleben auf dem Markt nämlich nicht. Die Anbieter sind vor allem Studenten, Akademiker, Großstädter, die sich Altbauwohnungen geleistet haben und nun noch freie Zimmer zweitverwerten. Oder die eigene Wohnung, weil sie selbst bei Freund und Freundin wohnen. Keine Plattenbauen oder Sozialwohnungen, keine Familien und kaum Alleinerziehende. Die haben dafür weder den Platz noch die Zeit.

AirBnB und Wimdu haben schlicht eine neue, schnellere Form der Vermittlung für Zimmervermietungen gefunden, Uber eine zentralisierte Taxizentrale. Und sie nehmen dafür 20 Prozent Provision. Strukturell unterscheiden sie sich damit kaum von althergebrachten Zimmervermittlungen oder Taxizentralen, aber das klingt natürlich nicht so sexy wie “Sharing Economy”. Der Begriff ist damit nicht mehr als Marketing-Gag, ein Werbespruch wie “Premiumpartner” oder “Mobilitätsanbieter”.

Allerdings einen wesentlichen Unterschied gibt es doch: Herkömmliche Vermittlungen und ihre Angebote sind staatlich reguliert, in Preis, Arbeitsbedingungen und Sicherheitsvorschriften. Sie zahlen Steuern, die der Staat verteilen kann.

Die Neuen entziehen sich dieser Regulierung. Sie verlagern das Risiko an Unfällen, Qualität, Hygiene und Haftung auf die anderen, ebenso sämtliche Kosten. Das ist Kapitalismus aus Vor-Bismarckschen Zeiten, in denen der Kunde jedes Risiko tragen musste und der Staat sich aus allem heraushielt.

Daran ist zunächst nichts verwerflich. Eine unternehmerische Idee zu haben und sie erfolgreich umzusetzen, ist anerkennenswert. Das aber noch für eine Wohltat an der Gesellschaft zu halten, als etwas grundsätzlich Neues, als Revolution, als eine Art Post-Kapitalismus für den modernen Großstädter – das ist naiv. Das ist keine “Sharing Economy”, sondern “Neo-Neoliberalismus”.