Auf der sicheren Seite

Woher beziehen wir künftig unser Gas? Das fragt sich Europa seit der Ukraine-Krise. Die Antworten heißen Flüssigerdgas, Biogas und neue Pipelines. Aber brauchen wir denn Alternativen zu Russland?

Die Hoffnung Polens ist von der Ostsee aus gut zu sehen: Zwei riesige graue Tanks erheben sich über dem dichten Wald, 40 Meter hoch und 80 Meter breit. Kein Baum reicht an sie heran. Vor ihnen, an der flachen Küste, ragt ein neuer Hafendamm drei Kilometer weit in die See. Hier entsteht der erste Terminal für Flüssiggas in der gesamten Ostseeregion, bei Świnoujście nahe der deutsch-polnischen Grenze. Ab 2015 soll am Kai mindestens alle zwei Wochen ein Tanker aus Katar anlegen und verflüssigtes Erdgas (LNG) in die Tanks pumpen. Ein Drittel seines Erdgasbedarfs will Polen bald über diesen neue LNG-Terminal decken – statt wie bisher aus Russland.

Die Anlage ist nur eins von vielen neuen Erdgas-Projekten in ganz Europa. Der Markt ist in einem gewaltigen Umbruch. Politik und Wirtschaft suchen nach Alternativen zu russischem Gas, spätestens seit der jüngsten Krise zwischen dem Gasproduzenten Russland und dem Transitland Ukraine. Dabei geht es um viele Milliarden an Investitionen und um die Energiesicherheit in Europa – für Millionen Haushalte und Unternehmen. Ist LNG die Zukunft? Sind neue Pipelines nötig? Was ist mit Biogas?

Aktuell ist Europa der weltweit größte Importeur von Erdgas – und der Bedarf wächst.
Rund 500 Milliarden Kubikmeter verbraucht der Kontinent ohne Russland pro Jahr, das ist ein Drittel des weltweiten Verbrauchs. Dabei verfügen die wenigsten euro­­päi­schen Staaten selbst über eigene ausreichende Lagerstätten, sie müssen Gas einführen, via Pipelines oder per LNG-Tanker. Der wichtigste Lieferant für die EU ist Russland: Rund 112 Milliarden Kubikmeter – knapp ein Drittel ihres Jahresbedarfs – kommen aus Lagerstätten jenseits des Urals.
Ein dichtes Leitungsnetz zieht sich in Ost-West-Richtung über den Kontinent: Die Pipelines Jamal und Druschba transportieren den Rohstoff über 4.000 Kilometer in den Westen. Die Rohre versorgen halb Europa, machen es aber auch von Russland abhängig. Im Gegensatz zum Öl, das über Tanker geliefert werden kann, spielten Anbieter aus anderen Weltregionen kaum eine Rolle. Doch das soll sich nach dem Willen der EU-Kommission ändern. Sie will die Versorgungssicherheit verbessern. Dazu setzt sie auf den Ausbau der Gasspeicher, einen geringeren Gasverbrauch durch Steigerung der Energieeffizienz und auf eine stärkere Diversi­fizierung der Gaslieferanten.

Eine Option ist LNG – Flüssigerdgas aus aller Welt.
Damit Erdgas über die Ozeane transportiert werden kann, muss es auf minus 162 Grad Celsius abgekühlt werden. Dann wird es flüssig. Allerdings kann LNG nur an speziellen Terminals entladen und regasifiziert werden. Bislang gibt es solche Terminals vor allem im Süden Europas, für Nord- und Zentraleuropa schienen sich die Investitionen nicht zu lohnen. Der neue LNG-Terminal in Świnoujście etwa kostet rund 700 Millionen Euro. Am Preis und der Wirtschaftlichkeit scheiterte letztlich auch ein geplanter Terminal im niedersächsischen Wilhelmshaven. Er wäre die erste Anlage in Deutschland gewesen, Europas größtem Gasverbaucher. Zudem: Bereits die bestehenden europäischen LNG-Anlagen mit einer Gesamtkapazität von acht Millionen Kubikmeter Flüssigerdgas (das entspricht 4,8 Milliarden Kubikmetern normalem Erdgas) sind nach Angaben des Branchenverbands Gas Infrastructure Europe im Schnitt nur zur Hälfte ausgelastet. Ein Grund: Große LNG-Produzenten wie Katar, Malaysia, Nigeria und Australien verkaufen ihr Gas bevorzugt in asiatische Wachstumsregionen wie Japan und China – und erzielen dort teils doppelt so hohe Preise wie auf dem europäischen Markt.

Der Blick wendet sich daher auch nach Vorderasien und Nordafrika.
Riesige Gasvorkommen lagern unter den Maghreb-Staaten und im Kaspischen Meer – mit neuen Pipelines könnte Europa sie anzapfen. Auf diese Option setzt unter anderem die schweizerische TAP AG. Das Joint Venture von sieben Energiekonzernen – BP, SOCAR, Statoil, Fluxys, Total, E.ON und Axpo – plant die 870 Kilometer lange Trans Adriatic Pipeline (TAP) von Griechenland nach Italien. An der türkischen Grenze soll sie anschließen an die geplante TANAP-Pipeline, die ins Kaspische Meer führt.
Vor der Küste Aserbaidschans werden im riesigen Shah-Deniz-Gasfeld bis zu 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas vermutet. Nach der Ausbau-Phase II sollen einmal bis zu zehn Milliarden Kubikmeter über die Türkei nach Europa fließen – vorbei an Russland und Iran. Rund 45 Milliarden Dollar soll der Bau dieses „südlichen Korridors“ von Italien bis nach Aserbaidschan insgesamt kosten. „Derzeit sichern wir uns das Bauland entlang der geplanten Route und bereiten den Erwerb von Stahlleitungen, Kompressoren und anderen Teilen vor“, sagt Michael Hoffmann, External Affairs Director der TAP AG.
Damit ist sein Unternehmen deutlich weiter als die anderen. Von der türkischen TANAP-Pipeline existieren bislang wenig mehr als ein Logo, eine Internetseite und diverse Absichtserklärungen. Letztere gab es auch für die Pipeline Nabucco, die von der Türkei nach Südosteuropa führen sollte. Das Projekt gilt inzwischen als gescheitert. Und das Neubauvorhaben South Stream durch das Schwarz Meer stagniert, weil die Vergabe der Bauaufträge womöglich gegen EU-Recht verstieß.
Auch Leitungen aus Nordafrika kommen nicht so recht voran. Seit acht Jahren etwa ist der Bau einer neuen Leitung zwischen Algerien und Italien geplant, die Galsi-Pipeline. Anhaltende politische Unruhen und Terroranschläge auf Gasanlagen haben das Projekt
jedoch ins Stocken gebracht. Die libysch-italienische Pipeline Greenstream wird seit dem Bürgerkrieg in Libyen immer wieder von Protestierenden geschlossen. All dies hat Zweifel verstärkt, ob nordafrikanische Staaten tatsächlich eine sichere Option sind.

Es gibt eine heimische Alternative: Biogas. Es entsteht durch die Vergärung von Abfällen oder nachwachsenden Pflanzen wie Mais, Gras oder Getreide. Da dessen Methangehalt noch zu niedrig ist, wird es zu Biomethan veredelt. Dann kann es in das normale Gasnetz eingespeist werden. Vor allem Deutschland hat in den vergangenen Jahren auf den Ausbau dieses Energieträgers gesetzt, der umweltfreundlich dezentral und mittelständisch geprägt ist – und nicht wetterabhängig wie Solar- oder Windenergie. Für die Deutschen war und ist Biogas inklusive des bestehenden Gasnetzes als Speicher ein zentraler Baustein ihrer Energiewende, bei der das Land wegkommen will von Atomenergie und fossilen Brennstoffen.
Rund 8.000 Biogas-Produktions- und rund 150 Biomethan-Einspeiseanlagen gibt es nach Angaben des Fachverbands Biogas mittlerweile in der Bundesrepublik – in Europa sind es insgesamt 12.000. Die Bundesregierung hatte das Ziel ausgegeben, dass bis 2020 sechs Milliarden Kubikmeter Biogas ins Netz eingespeist werden. Davon ist sie zwar noch weit entfernt: Laut Bundesnetzagentur waren es 2013 nicht einmal 600 Millionen, jedoch wuchs diese Menge zuletzt jährlich um 30 Prozent. Dieses Wachstum in Deutschland ist nun gefährdet. Bürger fürchten, dass in ihrer Nachbarschaft immer mehr Mais angebaut wird, Naturschützer sprechen von „Vermaisung“ der Landschaft. Tatsächlich wächst auf jedem siebten deutschen Acker inzwischen Mais – zwei Drittel davon werden allerdings als Tierfutter verwendet. Biogasbetreiber setzen überdies inzwischen auf weitere Energiepflanzen, etwa spezielle Wildkräutermischungen. Klar aber ist: Ohne einen zusätzlichen Anbau von Energiepflanzen wie Gräser, Roggen und Rüben kann der Biogasmarkt nicht wachsen.
Überdies ist politischer Streit um die Kosten entbrannt, denn möglich wurden die Anlagen nur durch lukrative Einspeisevergütungen. Diese Förderung wird nun deutlich gedrosselt, in Deutschland, aber auch im zweitgrößten Biogasmarkt Italien. Dabei macht der deutsche Erfolg gerade in anderen Ländern Schule: Polen und die Ukraine haben Fördergesetze erlassen, Frankreich und Großbritannien langfristige Ausbaupläne und eine Vergütung des eingespeisten Gases beschlossen.

Aber sind Alternativen nötig?

Mit der Eröffnung der Nord-Stream-Pipeline steht der EU nun eine direkte Pipeline nach Russland zur Verfügung. Politische Konflikte Moskaus mit Transitländern wie die Ukraine oder Weißrussland dürften sich damit weniger als in der Vergangenheit auf die Lieferungen nach Mitteleuropa auswirken. Eine sichere Gasversorgung wurde beim Bau der Nord-Stream-Pipeline über 50 Jahre garantiert. Vor allem aber: In der Debatte um Versorgungssicherheit wird oft vergessen, dass Europa nicht nur von Russland abhängt, sondern auch Russland von Europa. Etwa 50 Prozent seiner Staatseinnahmen erzielt Moskau durch Steuern und Abgaben auf den Export von Öl und Gas, berichtet die US-Energiebehörde EIA unter Berufung auf Zahlen des russischen Zolls. Erdgas macht 14 Prozent sämtlicher Export­umsätze des Staates aus. Und dieser Anteil dürfte noch wachsen. Mit Peking hat Moskau einen Liefervertrag über 30 Jahre vereinbart, der angeblich 400 Milliarden Dollar einbringen soll. Dafür sollen jährlich 38 Milliarden Kubikmeter an China fließen – das ist nicht mal ein Viertel der Menge, die in die EU gelangt. Auf die Lieferungen nach Europa aus politischen Gründen zu verzichten, kann sich Moskau also schlichtweg nicht leisten.

Erschienen in: DENA Magazin 2/2014

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