Grüne Hölle für Stoßdämpfer

Ein Team von Bilstein ist beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Die Männer reparieren Dämpfer für 53 Rennautos – und bangen um einen Aston Martin.

Donnerstagmittag wird es ernst: Einer der Ingenieure stürmt aus dem Aston-Martin-Zelt raus und auf Martin Flick zu. Die Stoßdämpfer, das hat ein Testlauf gerade ergeben, müssen völlig neu eingestellt werden. Und zwar sofort. Flick nickt gelassen: Klar, das machen wir. Dafür ist sein Team von ThyssenKrupp Bilstein ja da.
Rund 50 Stunden sind es bis zum Start des 24h-Rennens auf dem Nürburgring, der „Grünen Hölle“ in den Wäldern der Eifel: 4.000 Kilometer legen die Schnellsten in dieser Zeit zurück, bei durchschnittlich 170 km/h. Bis zu 150 Mal wird die 25 Kilometer lange Nordschleife umrundet, das sind 150 Mal 73 Kurven mit Hunderten kleinen und großen Buckeln, die den Autos kräftige Stöße versetzen. Ein Extremtest für Mensch und Auto. Für Stoßdämpfer ist es die Hölle.
175 Rennwagen gehen an diesem Wochenende an den Start. Die meisten Teams haben ihre großen Boxenzelte hinter der Boxengasse aufgeschlagen. Die Wege sind kurz und eng. Mechaniker rollen Reifen durch die Gassen, Fahrer schlängeln sich mit Mopeds hindurch, Zuschauer schlendern von Zelt zu Zelt und staunen. Und mittendrin der blau-gelbe Bilstein-Truck. Hobbyschrauber suchen hier Rat. Team-Mechaniker bringen beschädigte Teile zur Reparatur. Ab und zu schaut ein Chef eines Autoherstellers vorbei.

Schumacher, Senna, Lauda
Im Inneren des Trucks ist eine Werkstatt eingerichtet. Dort arbeiten gerade Volker Branderhorst und Roman Rose an den Stoßdämpfern für den Aston Martin Vantage GT3. Der Wagen mit der Startnummer „007“ – James Bond fährt Aston Martin – ist „Technologiepartner“ von Bilstein und daher blau-gelb lackiert. Mit schnellen Griffen zerlegen sie die schwarzen Dämpfer, suchen neue Teile heraus, bauen sie ein. Draußen dreht der Aston Martin derweil ein paar Trainingsrunden – mit alten Dämpfern. „Die neuen Dämpfer erhalten eine neue Kennung“, sagt Branderhorst. Was genau sie an den Teilen ändern, verrät er nicht – Betriebsgeheimnis. Seit 38 Jahren kommt er an die Strecke. „Ich habe mit allen gearbeitet: Ayrton Senna, Michael Schumacher, Niki Lauda.“ Keiner kommt an Bilstein vorbei.
Hier geht es um mehr als um das Rennen, sagt Martin Flick. „Hier trifft man sich, pflegt Kontakte und spricht über Geschäfte.“ Mit Opel etwa kam man hier ins Gespräch, stattete dann Corsas der Nürburgring-Edition aus. Später kam der Rennwagen Astra J hinzu und eine Sonderedition für Privatkunden. Alles Kleinserien, aber prestigeträchtig und lukrativ.

Von der Strecke geschleppt
Donnerstagabend, das erste Qualifying beginnt. Die anderen Wagen fahren auf die Strecke. Da meldet das Aston-Martin-Team: Die Stoßdämpfer funktionieren mit der neuen Kennung nicht wie gewünscht, sie brauchen das genaue Gegenteil. Also wieder aufschrauben, auseinandernehmen, neu zusammenbauen, antesten. Und zugleich andere Teams bedienen, deren Stoßdämpfer durch Unfall beschädigt sind. 53 der 175 Starter haben Dämpfer von Bilstein eingebaut, jeder will sofort drankommen. Inzwischen wird es dunkel, es fängt an zu regnen, da wird der Aston Martin, immer noch mit Dämpfern mit alter Kennung, von der Strecke geschleppt – Probleme mit dem Antriebsriemen der Lenkung. Am Ende reicht es nur zu Platz 60. Die Bilsteiner sind geknickt: Nur für die Top 30 gibt es ein blaues Blinklicht, für das alle langsameren Autos Platz machen müssen. Ohne dieses Licht sind die Siegchancen gering.

Sechs der ersten zehn
Freitagmorgen, 10.15 Uhr, das zweite Qualifying. Die Nacht war kurz, bis in den frühen Morgen hat das Team gearbeitet. Bilstein-Motorsportchef Flick gibt sich entspannt: „Das schaffen die.“ Die neuen Dämpfer für den Aston Martin sind fertig. Doch der Wagen hatte technische Probleme, die zu beheben war dringender, da blieb keine Zeit mehr zum Testen neuer Dämpfer. Die mit der alten Kennung bleiben endgültig drin.
12.10 Uhr, fünf Minuten vor Ende des zweiten Qualifyings, ist es geschafft: Der Aston Martin kommt unter die Top 30. Die Männer im Truck schnaufen durch. Dann geht es weiter. Auf dem Tisch liegt Arbeit, für andere Rennautos. Sie endet für sie erst am Samstagnachmittag um 16 Uhr – dem Start des Rennens. Ab dann kann das Team nicht mehr tun als zuschauen.
24 Stunden später, es ist Sonntag, 16 Uhr, sieht der Aston Martin in den Bilstein-Farben die Zielflagge. Er wird Fünfter. Ein Trost für die Bilstein-Jungs: Der Sieger, ein Audi R8, fuhr ebenfalls mit ihren Dämpfern. So wie auch der Zweite, Siebte, Neunte und Zehnte.

Erschienen in: ThyssenKrupp WE 3/2014, S.3

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