Donald Trump kommt nicht

Der US-Präsidentschaftskandidat und Milliardär Donald Trump ist ein Medienphänomen – dabei existiert er wirklich. Ein Sonntagsbesuch auf seinem exklusiven Golfplatz in New Jersey, wo er erwartet wird.

Donald Trump kann auch bescheiden: Wer mal durch die herbstbraunen Wälder im US-Bundesstaat New Jersey fährt, die riesigen alten Landhäuser rechts und links bestaunt, geschwungene Bachtäler durchkurvt, Pferdekoppeln zählt, Rehkitze in Vorgärten erspäht und schließlich in die Lamington Road nach Bedminster abbiegt – der kann die Einfahrt zu Trumps Spielplatz tatsächlich schnell übersehen. Zwei kleine Mauern markieren eine Auffahrt, die an einem Wachhäuschen endet. Unter dem Fenster ist eine Plakette angebracht: „Trump National Golf Club“, daneben ein mittelalterliches Wappen mit drei Löwen, Ritterhelm und Schmuckranken. Aus Gold, natürlich.

„Für DSC_0555Trump ist das bescheiden“, sagt mein Gastgeber, ein Mitglied in diesem exklusiven Club, eine Autostunde westlich von Manhattan gelegen. Er hat mich zum Mittag hierher eingeladen, zusammen mit seiner Familie. Sie fahren fast jeden Sonntag in den Club zum Essen, unter der Woche wird Golf gespielt. Was man eben so macht, wenn man in Rente ist, genügend Zeit und genügend Geld verdient hat, um sich im siebtreichsten Landkreis der USA ein Haus mit Pool leisten zu können.

Der Pförtner grüßt freundlich, man kennt sich. „Ist Trump heute da?“, fragt mein Fahrer. Noch nicht, aber vielleicht später, sagt der. Es ist ja Sonntag, da kommt er eigentlich immer.

Wir fahren eine 1600 Meter lange Auffahrtallee entlang, vorbei an Golfwiesen, Bunkern, künstlichen Seen. An ihrem Ende, auf einem kleinen Hügel, steht das Haupthaus, das in seiner Größe und Form nur rein zufällig an das Weiße Haus erinnert. Davor stehen ein dreietagiger Steinbrunnen, ein Bentley, ein Jaguar, ein Mercedes SLK und eine baumüberragende US-Flagge. Der Bentley, sagt der Gastgeber, gehöre Trumps Frau Melania. Neben anderen.

Früher war dies der Wohnsitz von John DeLorean, einem Unternehmer, der erst ein Auto baute, das man aus den „Zurück in die Zukunft“-Filmen kennt, dann wegen des Schmuggels von 100 Kilogramm Kokain verurteilt wurde und schließlichDSC_0551 bankrott ging. Trump kaufte das 113-Hektar-Gelände und die 1300-Quadratmeter-Villa 2002 billig auf und baute es zum exklusiven Golfkurs mit 36 Löchern um. Der ehemalige Präsident Bill Clinton ist hier Mitglied, Star-Quarterbacks der hiesigen Football-Teams, aber auch wohlhabende Anwohner – wie mein Gastgeber. Wer hier den Schläger schwingen und andere Millionäre treffen will, muss eine Aufnahmegebühr bezahlen, die nach Medienberichten bei 300.000 Dollar liegt. Dazu kommt eine Jahresgebühr von einigen zehntausend Dollar. „Das geht aber noch“, sagt der Sohn des Gastgebers. Auf dem Weg hierher waren wir an Golfkursen vorbeigefahren, für die allein die Aufnahmegebühr bis zu einer Million kosten soll.

Wir betreten die zweietagige Lobby im Landhausstil, mit Freitreppe und weißen Antikmöbeln. Tatsächlich, alles hier ist recht bescheiden, vergleichsweise. Oder zumindest, wenn man bedenkt, dass sein gläserner Trumptower am Central Park so aussieht, als wäre darin ein Tanklaster voller Goldfarbe explodiert. Und dass an den anderen seiner Hochhäuser, Hotels und Casinos der Name „Trump“ mindestens etagengroß prangt. Sein Besitzer sagt, allein der Name wäre vier Milliarden Dollar wert – das wäre, laut Forbes, fast soviel wie alle seine Immobilien und Wertanlagen zusammen.

Aber da ist er endlich: Er hängt an der Wand, sogar gleich mehrfach. Auf einem Titelbild des „Time Magazine“ von 1989. Darunter auf einem Cover von „Success“, mit der Zeile „How Trump does it“. Und von „Fortune“, „Esquire“, „GQ“, „George“. Kaum ein Flecken, der nicht mit seinem Gesicht bedeckt ist. Oder mit einem Ausdruck der TV-Quoten seiner Reality-Show „The Apprentice“. Hinter der Lobby in der Bar hängt sogar ein Gemälde, das ihn wohl in dem Moment darstellen soll, als die Rotfrisur ihren Show-Spruch „You’re fired“ in die Kamera brüllt.

In echt ist er aber auch hier nirgends zu sehen.

 

Wir gehen in die erste Etage, in den Dinnerroom und nehmen Platz an schwarzbraunen Holztischen und auf quietschenden Lederstühlen. Von der Decke hängen Fernseher herab, auf denen Football läuft.

Was er von Trump halte, will ich von meinem Gastgeber wissen. Er wird leise, man wisse ja nicht, wer zuhört. Er sei zwar Republikaner, sagt er, sei für niedrigere Steuern und Selbstverantwortung. Aber Trump sei ihm zu grell, zu populistisch, zu politisch extrem. Allein dass er eine Mauer nach Mexiko errichten wolle und gegen Immigranten hetze – ein Wahnsinn. Er selbst hat in seiner Firma Einwanderer beschäftigt, das seien alles sehr hart arbeitende, ehrliche Menschen. Er nehme Trump diese Hetze nicht ab. „Er ist eben sehr medienbewusst und mag es, dadurch im Mittelpunkt stehen zu können.“ Da kommt die Kellnerin, eine Einwandererin aus dem Balkan. Ich bestelle einen Trump-Burger – doppelt so groß wie der normale, mit karamellisiertem Schinken, Spiegelei, Spezialsoße, einer Schale Pommes und einer Scheibe Tomate., für nicht einmal 20 Dollar. Später folgt noch Trump-Pudding, extra groß und extra süß. Trump ist immer noch nicht aufgetaucht.

„Oh, wir müssen dir unbedingt die Herrenumkleide zeigen“, sagt der Sohn. Ein merkwürdiges Angebot – bis man sie gesehen hat. Nicht etwa ein simpler Raum mit Blechspinden. Trump hat das gesamte Nachbargebäude im Gartenhausstil extra errichten lassen, das größer ist als das Haupthaus.

Im Erdgeschoss, im Merchandising-Laden, kann man Sweatshirts, T-Shirts, Baseball-Caps oder auch Golfbälle kaufen, alle mit dem Trump-Wappen versehe. Im ersten Stock, neben einer Terrasse, dann die Umkleide: Im Vorraum, erhellt von einem Goldkronleuchter und Glasfenstern von der Decke bis zum Boden, gibt es für die Golfspieler eine weitere Bar, an der zwei Bartender bereit stehen, Ledersessel und einen Megafernseher mit dem Sportkanal. Links geht es ins halb vergoldete, halb verspiegelte Bad mit Toiletten, das größer ist als ein Berliner Loft. Daneben liegt ein Fitnessraum mit Kardiogeräten. Wer hier strampelt, starrt auf Karikaturen und Titelbilder mit Trump-Gesichtern.

Rechts liegen mehrere offene Spindräume, mit hölzernen Schranktüren und goldenen Namensplaketten. Im ersten Raum, auf den ersten drei Spinden, steht „Donald J. Trump“. Sein Name taucht auch mehrfach auf Tafeln auf, die die Gewinner der Golfkurs-internen Turniere verzeichnen, darunter für die „Seniors“, für Mitglieder über 50. In den ersten Jahren gewann noch jeweils der Hausherr, zuletzt aber nicht mehr. Seitdem gibt es ein weiteres Turnier, für die „Super-Seniors“ über 60. Sie hat der heute 69-Jährige mehrfach gewonnen. Zuletzt aber nicht mehr.

Frauen dürfen diesen turnhallengroßen Umkleideraum übrigens nicht betreten, sie haben einen eigenen dunklen Raum im kleineren Nachbargebäude.

Wir verlassen das Gelände. Ob er für Trump stimmen wird? Der Gastgeber schaut mich höchst irriert an. Das heißt wohl Nein. Sein Sohn sieht das anders: „Ich fände es gut, wenn er die Nominierung gewinnt“, sagt er. Dann müssten alle einsehen, wie verdorben das politische System sei. “Er kann es zum Kollabieren bringen und so Platz für Verbesserungen schaffen.“

Später sehen wir, warum Trump ausgerechnet heute nicht Golf spielen war. Er trat zeitgleich bei „Meet the Press“ auf, der tiefgründigen US-Version von „Bericht aus Berlin“. „Ich bin ein Realist, kein Masochist“, sagt er da. „Wenn ich keine Chance mehr in der Politik habe, dann gehe ich halt wieder zurück. Damit habe ich gar kein Problem.“